Tagebücher

Zu dieser Ausgabe

 

Erich Mühsam, Dichter, Anarchist, Antifaschist und vieles andere – oft wurde er für antiquiert erklärt, und genauso oft hat er neue Anhänger und Verehrer gefunden. Das Geheimnis seiner Strahlkraft und seiner fortwährenden Aktualität ist nicht einfach zu erklären. Wir finden auch, es soll ein offenes Geheimnis bleiben, eins, das weiter neugierig macht und immer neue Fragen provoziert. Antworten jedenfalls gibt es in Hülle und Fülle – in Mühsams Tagebüchern.

Um die 7000 Seiten umfassen die Hefte, die er von 1910 bis 1924 füllte. Die meisten sind erhalten geblieben – trotz ihres abenteuerlichen Schicksals.

In bayerischer Festungshaft 1919–1924 wurden seine Tagebücher konfisziert und nach umstürzlerischen Äußerungen durchforscht; im Moskau der dreißiger Jahre, auf dem Höhepunkt der Stalinschen Säuberungen, interessierte sich der NKWD brennend für Mühsams schriftlichen Nachlaß (und ließ einiges davon für immer verschwinden); 1956 erhielt die Ostberliner Akademie der Künste von der SED den Auftrag, die aus Moskau eingetroffenen Mikrofilmkopien des Mühsam-Nachlasses vor öffentlicher Neugier zu schützen. So dauerte es fast weitere vierzig Jahre, bis 1994 bei dtv eine erste Auswahl aus den Mühsam-Tagebüchern erscheinen konnte, die allerdings nur etwa fünf Prozent des Gesamttextes umfaßt.

Seitdem hat es mehrere Versuche gegeben, die Tagebücher vollständig zu erschließen und zu veröffentlichen. Verlage zeigten sich interessiert, Stiftungen wohlwollend. Doch sobald die Kosten auf den Tisch kamen, winkten alle ab. 7000 Seiten, eine zehn- bis fünfzehnbändige Ausgabe also? Redigiert, kommentiert, gedruckt, verkauft? Keine Chance. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung (aus vielen Gründen prädestiniert für eine solche Kulturtat) war plötzlich nicht mehr liquide, ein namhafter Publikumsverlag verlangte 25 Euro pro Seite für seine Bereitschaft, die Mühsam-Tagebücher ins Programm zu nehmen. Sehr witzig.

Aber kein Grund, aufzugeben, fanden wir. Fotokopien der Originalhandschrift und maschinenschriftliche Transkriptionen waren vorhanden, seit der Ostberliner Verlag Volk und Welt in den achtziger Jahren mit der Nachlaß-Erschließung begonnen hatte. Fleißige ABM-Kräfte besorgten die digitale Erfassung der Abschriften; jetzt paßte der Text, der viele dicke Ordner füllte, auf eine CD – und der Weg zur Online-Edition war frei. Druckkosten: Null.

Was blieb, war der editorische und technische Aufwand. Eine Internet-Plattform mußte erstellt werden, die allen Ansprüchen einer werkgetreuen, zitierfähigen und durchsuchbaren Edition genügt, die zur Lektüre und zur wissenschaftlichen Nutzung einlädt, Materialien zur weiterführenden Beschäftigung mit Erich Mühsam und seiner Zeit bietet – und zudem für jeden Nutzer kostenlos ist und bleibt.

Der Anfang ist gemacht, doch der Hauptteil der editorischen Arbeit bleibt noch zu leisten. Die ersten drei von insgesamt 35 Heften stehen im Internet zur Verfügung, die übrigen werden nach und nach folgen. Jede Tagebuch-Abschrift im Umfang zwischen 100 und 250 Seiten wird sorgfältig mit der Originalhandschrift verglichen, Personennamen werden indiziert, ermittelt und ins Register aufgenommen, Fakten und Zusammenhänge, die sich im Kontext nicht erschließen, werden durch einen kurzen Kommentar oder den Link auf eine hilfreiche Webseite (danke, Wikipedia!) erhellt.

Wem diese Art der Textdarbietung noch nicht transparent genug ist, darf auf die Handschrift zurückgreifen. Ein Klick aufs Datum genügt, und das Fenster mit Erich Mühsams Originaleintrag geht auf.

Die Edition der Tagebücher ist ein Projekt ohne Lohn und ohne finanzielle Unterstützung – nicht aus Prinzip, sondern weil wir es besser fanden, erst einmal etwas auf die Beine zu stellen und Mühsam für sich sprechen zu lassen, statt die immergleichen Anträge zu stellen.

 

Eine Internet-Edition ist keineswegs nur der kostensparende Ersatz für die Buch-Edition. Wir wollen die Vorzüge der Digitalisierung nutzen, um die Edition historischer Texte auf eine qualitativ neue Stufe zu heben.

Hier ein paar Dinge, von denen die traditionellen Büchermacher nur träumen können: Die Edition ist nicht mit der Drucklegung abgeschlossen, im Gegenteil: Mit der Publikation fängt ihr Leben erst an. Und das Wichtigste daran – Leser werden zu Mitherausgebern, weil ihre Hinweise in die Edition einfließen. Die Mitwirkung ist gewünscht und notwendig. Wir versprechen uns davon die Korrektur von Fehlern, die Aktualisierung des Kenntnisstands, das Füllen von Kommentierungslücken, ergänzende Materialien und weiterführende Links.

Die Vorarbeiten bestätigen uns, daß die Tagebücher durch die „Vernetzung“ der Buchausgabe mit der Online-Edition eine ungeahnte Strahlkraft gewinnen. Der Verfasser und Held, vielfältig verlinkt mit dem Kosmos des Online-Wissens, wird zum Akteur einer buntbelebten Geschichtsbühne; aus seinen Leidenschaften und Illusionen wird eine Kraft, die auf höchst eigenwillige Weise ins Zeitgeschehen eingreift. Der Anarchist, Dichter und Zeitchronist Erich Mühsam tritt aus dem Schatten der Geschichte und darf weiterwirken fast wie zu Lebzeiten – seine Tagebücher geben es her.

Mühsam macht aus der täglichen Rechenschaft eine Art Fortsetzungsroman, was den mitreißenden Sog und den lebendigen, stilsicheren Schwung seines Erzählens betrifft, und auch im Privatesten behält er das Weltgeschehen im Blick. Für beide Qualitäten gibt es ehrwürdige Vorbilder, (z. B. Varnhagen von Ense, aus dessen Tagebüchern Mühsam wahrscheinlich den entscheidenden Impuls bezog), doch wenn es um eine literarische Würdigung gehen soll, gebührt Mühsams „Lebensroman“, der 15 Jahre deutscher Geschichte begleitet, ein besonderer Rang.

Dieses Werk mit seiner eigenwilligen Sicht auf die Welt, das es in seiner tragigrotesken Menschlichkeit erst noch zu entdecken gilt, soll kein nur digitales Dasein fristen, dachten wir uns. Man muß Mühsams Tagebücher auf Papier lesen können, zwischen Buchdeckeln, man muß sie ins Regal stellen können – zu den anderen Zeugen des 20. Jahrhunderts, zu den anderen Lieblingsbüchern.

Daher sind wir froh, daß sich der Berliner Verbrecher Verlag spontan und mit Begeisterung bereitfand, die Tagebücher in einer fünfzehnbändigen Edition zu drucken – parallel zur Internet-Präsentation und trotz der Befürchtung, diese könnte der Buchausgabe das Wasser abgraben.

Jeder weiß, daß diese Furcht begründet ist. Mancher, der schwankt, der lange zögert, der sich Bücher nicht so recht leisten will oder kann, könnte sich am Ende mit der „technischen“ Präsenz der Texte im Internet begnügen.

Aber es wäre schade. Wer das täte, wäre um den wahren Lesegenuß gebracht, um das Gefühl, diesen Schatz zu besitzen – als etwas zum Anfassen, Umblättern, Schmökern, auch wenn der Akku schwächelt oder das Internet versagt. Und schlimmer noch: Wer das täte, würde den kleinen Beitrag verweigern, den dieses gewagte Experiment einer parallelen Internet- und Buchedition zu seinem Gelingen benötigt.

 

 

Zum Schicksal der Tagebücher

 

Wenige Tage nach der Ermordung Erich Mühsams im Konzentrationslager Oranienburg am 10. Juli 1934 gelang es seiner Frau Zenzl Mühsam[1], den schriftlichen Nachlaß vor der Beschlagnahme und Vernichtung zu retten und nach Prag zu schmuggeln. Nach einigen Jahren im tschechischen Exil folgte sie 1936 einer Einladung in die Sowjetunion. Man hatte ihr versprochen, Mühsams Werke „in vielen Sprachen“ zu veröffentlichen. So gelangten die Tagebücher und Briefe nach Moskau. Dort wurden sie „ausgewertet“, und es ist zu anzunehmen, daß sie vom NKWD als Belastungsmaterial gegen deutsche Exilanten mißbraucht wurden. Einige Tagebücher aus den Jahren 1910/11 und 1916–1919 und viele Briefe, die dabei abhanden kamen, bleiben wohl für immer verschwunden. Wenig später, auf dem Höhepunkt der Stalinschen „Säuberungen“, wurde Zenzl wurde verhaftet, als Trotzkistin bezichtigt, verhört, mißhandelt. Sie hielt dem vernichtenden Druck stand, bewahrte ihren Stolz und ihre Würde, überlebte achtzehn Jahre Gefängnis, Straflager und Verbannung.[2]

1955 endlich durfte sie zurückkehren – in die DDR. Sie ließ Mikrofilmkopien vom Nachlaß anfertigen, der im Moskauer Gorki-Institut lagert, und beschloß, alle ihr verbliebenen Kräfte auf die Veröffentlichung der Mühsam-Schriften zu verwenden.

Doch die Mikrofilme gelangten nicht in ihre Hände. Das ZK der SED übergab sie der Ostberliner Akademie der Künste zur sicheren Verwahrung. Zenzl Mühsam kämpfte bis zu ihrem Tod am 10. März 1962 gegen diese Beschlagnahme, und mit ihrer sprichwörtlichen Hartnäckigkeit setzte sie zumindest durch, daß 1958 eine schmale Auswahl von Erich Mühsams Gedichten in der DDR erscheinen durfte (zusammen mit den „Unpolitischen Erinnerungen“, die aber schon 1949 in Leipzig verlegt worden waren).

In den siebziger Jahren setzte in Ost- und Westdeutschland eine neue Beschäftigung mit Erich Mühsam ein, es erschienen Werkausgaben, Einzelwerke, Monographien, Biographien. Der Ostberliner Verlag Volk und Welt beschloß, die in der Akademie der Künste lagernden Nachlaß-Kopien editorisch aufzubereiten. Das Kulturministerium der DDR stellte Mittel für die Transkription zur Verfügung. Im Verlauf der achtziger Jahre entstand auf diese Weise die Materialgrundlage für diese Edition.

Der Verlag Volk und Welt suchte nach Partnerverlagen in der BRD, um die Synergieeffekte einer „gesamtdeutschen“ Edition zu nutzen. Diese Bemühungen endeten mit dem Untergang der DDR – das wiedervereinigte Deutschland brauchte Jahre, um sich zu finden (wo und wie auch immer) und sich erneut auf Erich Mühsam zu besinnen.

Die 1989 in Lübeck gegründete Erich-Mühsam-Gesellschaft leistete einen wichtigen Beitrag dazu, daß der Name Mühsam nicht in Vergessenheit geriet – mehr noch, daß eine neue Leser- und Anhängerschaft entstand, sich ein neuer Blick auf Persönlichkeit und Werk Erich Mühsams entwickelte. Die Schriftenreihe der EMG, inzwischen auf 36 Hefte (sowie 11 Hefte des Mühsam-Magazins) angewachsen, kann das eindrucksvoll belegen.[3]

 

 

Die Herausgeber

 

Chris Hirte war Mitherausgeber der Erich-Mühsam-Werkausgabe beim Verlag Volk und Welt (1978–1985). Seine Mühsam-Biographie erschien 1985 im Verlag Neues Leben, 2009 in überarbeiteter Neuauflage beim Ahriman Verlag Freiburg. 1994 veröffentlichte er bei dtv München eine Auswahl aus den Tagebüchern. Seit 2009 arbeitet er gemeinsam mit Conrad Piens an der Gesamtausgabe der Tagebücher.

 

Conrad Piens ist Informatiker und Antiquar. Gemeinsam mit seiner Frau Irina betreibt er seit 1999 die Website www.muehsam.de, die u. a. eine umfassende Bibliographie zu Werk und Wirkung Erich Mühsams enthält. Neben der Herausgebertätigkeit sorgt er für die webgerechte Aufbereitung der Tagebuchtexte mit Hilfe von Programmen, die Texte, Register und verfügbare Materialien automatisch verbinden und eine intelligente Suche ermöglichen.

 

[Stand 25. Juni 2011]

 

 


 

[1] Zenzl Mühsam, Eine Auswahl aus ihren Briefen, herausgegeben und kommentiert (mit einer Lebensbeschreibung von Zenzl Mühsam) von Chris Hirte und Uschi Otten, Schriften der Erich-Mühsam-Gesellschaft Heft 9, Lübeck 1995

[2] Reinhard Müller, Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische Verfolgung (Ausführliche Dokumentation des Schicksals von Zenzl Mühsam), Hamburger Edition, Hamburg 2001

[3] Website der EMG mit ausführlicher Biographie und aktuellen Informationen - www.erich-muehsam.de